Nachhaltige Gebäudetypologie

Technische Infrastrukturen beeinflussen die Gestalt unserer Städte. Zu beobachten ist eine Transformation hin zur dezentralen Energieerzeugung und eine zunehmende Vernetzung von Energieerzeugung und -verbrauch. Parallel dazu lässt sich eine verstärkte Vernetzung von Quartierskomponenten insgesamt – von Gebäuden, Infrastrukturen und Freiräumen – feststellen.

Gebäude, als Komponenten von Stadtquartieren, werden zukünftig nicht mehr ausschließlich als architektonische Objekte verstanden, sondern auch als Bestandteile urbaner Energiesysteme, in denen Produktion und Bedarf in wechselseitiger Abhängigkeit stehen.

Die Idee der Vernetzung ist für die nachhaltige Planung und Gestaltung von Quartieren und Gebäuden zentral. Dies betrifft nicht nur den Bereich Energie.

Gebäude vernetzen Wohnen und Arbeiten, Mobilitätsweisen, Bewohner:innen untereinander und mit der Nachbarschaft.

Dieser Paradigmenwechsel betrifft die architektonische Gestaltung von Gebäuden als Ganzes; im Besonderen jedoch die Erdgeschosszonen, die Übergangsbereiche zwischen den Nutzungs­programmen, die Dachflächen und die Konfiguration der einzelnen Wohnungsgrundrisse.

Die grundsätzliche Gestaltung von Gebäuden – ihre Ty­pologie – steht unter Transformations­druck, um diesen Herausforderungen produktiv zu begegnen. Typologien sind Musterlösungen, die als Plan oder Modell relevante Informationen vermitteln, wie z.B. Organisationsmuster und Gebäude­formen. Außerdem bieten sie durch ihre offene Struktur – im Sinne eines Interpretationsspielraums – Potential zur Anpassung in verschiedenen Kontexten.

Was aber zeichnet Gebäude­typologien der Nachhaltigkeit aus?

Zunächst interpretieren sie Nachhaltigkeit als Zusammen­spiel von sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Parametern: Sowohl Quartiere als auch Gebäude bilden komplexe Systeme-von-Systemen. Konkret sind beispielsweise die einzelnen Teilbereiche der Gebäudeplanung miteinander über ein Netz von Wechselwirkungen verbunden, die über verschiedene Hierarchieebenen des Gesamtverbunds Gebäude hinweg wirksam sind.

Gebäude werden nicht mehr ausschließlich als architektonische Objekte verstanden, sondern als Prozesse und Teil von Nutzungs- und Rohstoffkreisläufen.

Dies bedeutet, dass sie erstens durch ihre räumliche und strukturelle Konfiguration auf zukünftige Veränderungen reagieren. Zweitens stellt es eine Erweiterung des Betrachtungsfeldes dar: von der reinen Planung und Errichtung hin zu Planung, Errichtung, Nutzung, Umbau, Rückbau und Entsorgung. Hieraus resultiert eine bewusste Einbindung potentieller Nutzer:innen in die Planungsprozesse.

Die Wechselwirkungen dieser Handlungsräume werden am Beispiel solarer Energieversorgung deutlich:

Energie soll nicht nur eingespart, sondern aktiv genutzt und vor Ort produziert werden. Diese Forderung besitzt Auswirkungen auf die Gebäudehülle, auf Lage und Größe der Fassadenöffnungen, auf Lage und Abmessungen von Balkonen und Loggien. Vor allem Dachflächen sind in urbanen Kontexten für die Energieproduktion prädestiniert, gleichzeitig dienen sie in Form eines Gründachs der Regenrückhaltung, und als gemeinschaftlich genutzter Dachgarten als Kommunikationsort. Durch die Hinzufügung des zusätzlichen Entwurfsparameters “solare Ener­gieproduktion” spitzen sich die Verteilungskonflikte zwischen den Nutzungsoptionen zu. Ziel­konflikte sind konstitutiv für Planungsvorhaben und verschärfen sich angesichts zuneh­mender Nachhaltigkeitsanforderungen. Diese Konflikte lassen sich nicht auflösen, da sie neben ihrer technischen auch eine soziale und politische Dimension aufweisen.[1]

Als beispielhaft für die Art von Zielkonflikten steht das Thema Bebauungsdichte.

Aufgrund endlicher Baulandreserven müssen urbane Flächenpotentiale möglichst effizient genutzt werden, woraus sich die Forderung nach einer hohen Bebauungsdichte ableitet. Folgt man dieser Argumentation, erhöht sich durch eine steigende Anzahl von Wohn- und Gewerbe­einheiten der Energieverbrauch im Verhältnis zur überbauten Fläche, wodurch wiederum die Energiedeckung sinkt und ein höherer “Energieimport” von außerhalb notwendig wird, was die Bereitstellung zusätzlicher Infrastruktur notwendig macht.

Bauherr:innen und Planer:innen können sich dieser Zielkonflikte bewusst werden und diese zu einem frühen Zeitpunkt des Planungsprozesses thematisieren. Eine aus diesem Bewusstsein heraus entwickelte stadtplanerische und architektonische Gestaltung bietet die Möglichkeit zur Annäherung aller Optionen durch räumliche Lösungen.

Ein Perspektivwechsel ist maßgeblich für deren Erfolg: Strategien nachhaltiger Energienutzung im Speziellen und nachhaltiger architektonischer Gestaltung im Allgemein beruhen im urbanen Raum auf Synergieeffekten verschiedener Systemkomponenten und nicht auf technologischen Einzelmaßnahmen.

Energie muss als maßgebliches Thema architektonischer Planung verstanden werden und deren Belange bereits möglichst früh im Planungsprozess Niederschlag finden. Dies erfordert, nicht applizierte, sondern integrierte Lösungen im Sinne innovativer Gebäudetypologien. Erst durch diese ganz­heitliche typologische Betrachtung leistet eine, an solaren Belangen ausgerichtete, Architektur einen Beitrag für nachhaltige Quartiers­entwicklungen. Vorbildliche Lösungen stellen eine Annäherung an ein Optimum im jeweiligen Kontext dar – sie sind so gut wie möglich. Erfolgreiche Strategien identifizieren die relevanten Einflussfaktoren und nutzen diese im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung. Die Basis hierfür bildet eine möglichst umfassende Kommunikation zwischen allen Planungsbeteiligten.

[1] Vgl. Rittel 1992

 

Partnerbeitrag von Stefan Staehle, Institut für nachhaltiges Bauen und Gestalten | Hochschule Kaiserslautern

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